Stadtleben

Stephan Lenzen

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Das Spannende am Lokalfernsehen ist die Stadt selbst.

Was ist das Besondere bei der Arbeit fürs lokale Fernsehen?
Das Spannendste ist tatsächlich die Nähe zur Stadt selbst. Ich bin in Rheydt aufgewachsen, komme also aus dieser Stadt und finde es großartig, jetzt über alles berichten zu können, was ich teilweise schon als kleiner Junge mitentdeckt habe. Ich mag die Stadt und habe mich über sie geärgert – wie in einer ganz normalen Beziehung. Aber wir können genau die Themen behandeln, die dem Mönchengladbacher wichtig sind und um die sich andere Sender niemals kümmern würden. Das finde ich sehr spannend. Allerdings gebe ich zu, dass es durch die Begrenzung auf das Lokale nicht immer einfach ist, da müssen wir viel improvisieren und sehr einfallsreich sein - die Ideen fallen einem nicht immer in den Schoß. Genau darin liegt aber die Herausforderung.

Ist die große Nähe zum Geschehen eher eine Stärke oder erschwert sie eine kritische Berichterstattung?
Es ist nicht immer einfach: Manchmal berichtet man kritisch über eine Institution oder Person und eine halbe Stunde nach der Sendung sitzt derjenige im Restaurant neben einem. So etwas ergibt sich in einer kleineren Stadt wie Mönchengladbach natürlich häufiger, hat aber andererseits den Vorteil, dass man sich auch ganz schnell wieder aussprechen kann. Wir gehen hier alle kritisch miteinander um. Nach meiner Auffassung ist das in Ordnung, weil wir auch fair miteinander umgehen.

Welches wäre Ihr Traumformat und wer wäre Ihr Traumgast?
Ein Traumformat wäre für mich alles, was live ist. Als kleiner Sender können wir uns keinen Ü-Wagen leisten und somit keine Live-Übertragungen von z. B. Events oder Ratssitzungen liefern. Wenn wir live übertragen könnten, würde mir dafür immens viel einfallen. Aber wer weiß, vielleicht kommen wir eines Tages dahin. Meine Traumgäste hatte ich glaube ich schon hier. Ich bin ein großer Bewunderer der Schauspieler Adrian Linke und Matthias Oelrich von unserem Theater. Beide habe ich schon hierher eingeladen und ich muss gestehen, dass ich sehr aufgeregt war, diese beiden Menschen zu treffen, die ich vorher nur von der Bühne kannte. Die beiden waren so locker und freundlich zu mir, dass ich sie gar nicht wieder gehen lassen wollte. Allerdings habe ich auch schon die umgekehrte Erfahrung gemacht: Dabei ging es um ein Interview mit einem national sehr bekannten Künstler, den ich sehr verehrt hatte und von dem ich alle Platten besitze. Vielleicht war er einfach schlecht gelaunt, aber an diesem Tag war er wirklich ein Blödmann – danach habe ich jedenfalls nie mehr eine Platte von ihm gehört.

Hätten Sie im Programm gerne mehr Raum für die ausführlichere Beleuchtung bestimmter Themen?
Im Gegensatz zu einer Zeitung kann ein Fernsehsender keinen ergänzenden Infokasten anbringen oder eine zusätzliche Seite mit einem Unterthema aufmachen. Wir müssen also die Informationen, die wir vermitteln möchten, kurz und knapp an den Zuschauer bringen. Das bedeutet natürlich auch, dass man vieles vereinfachen muss. Schwierige Themen vertiefen wir deswegen noch einmal in einem Talk. Für große Reportagen haben wir mit unserer kleinen Redaktion oft nicht genug Manpower, weil wir ja ein tägliches Programm füllen müssen. Doch wenn wir uns diesen Luxus gelegentlich gönnen, entstehen dabei die besten Sachen.

Wie bewerten Sie die lokale Medienlandschaft?
Ich finde, dass wir in Mönchengladbach richtig gut aufgestellt sind. Natürlich stürzen sich alle hiesigen Medien – ob Radio, Zeitung, oder Fernsehen – auf die aktuell populären Themen und berichten über die gleichen Personen. Trotzdem bemühen sich alle um Inhalte, die sie von den anderen unterscheiden und setzen auch eigene Schwerpunkte. Deshalb denke ich, dass wir uns in jeder Form ganz gut ergänzen.

» Mein Traumformat wären Live-Übertragungen. « Wie beurteilen Sie die zunehmend strengere Autorisierungspraxis von Interviewpartnern?
Wir hatten bislang nur ganz selten den Fall, dass jemand unbedingt vorab die Fragen haben oder das fertige Ergebnis sehen wollte, bevor es ausgestrahlt wurde. Sofern die Gäste das gefordert haben, sind wir dem natürlich nachgekommen. Jedoch kommt das kaum vor, vielleicht merken die Leute, dass wir sie fair behandeln. Ich persönlich finde, dass es den Journalisten deutlich einschränkt. Wenn man sich schon beim Schreiben der Fragen überlegt, welche Sachen wohl angenommen oder direkt gestrichen werden, findet tatsächlich eine kleine Form der Zensur statt. Niemand wird zu einem Interview gedrängt oder gezwungen und jeder kann sich überlegen, was er sagt – und wenn ich dann Mist erzähle, muss ich nachher auch dazu stehen. Bei Fotos hingegen kann ich ziemlich gut verstehen, wenn jemand empfindlich ist. Jeder hat irgendwo eine Schokoladenseite oder „Nichtschokoladenseite“ und bei Urlaubsfotos z. B. bin ich der große Zensor.

Welche persönliche Bilanz ziehen Sie bisher?
Es heißt ja oft, dass die Stadt langweilig und hier nichts los sei. Deswegen hatte ich mir, als wir auf Sendung gingen, vorgenommen, den Mönchengladbachern ein Stück Selbstbewusstsein zurückzugeben. Obwohl ich selbst Mönchengladbacher bin, habe ich in viereinhalb Jahren City-Vision soviel entdeckt und über die Stadt erfahren, dass ich sage: „Menschenskinder, diese Stadt hat doch eine Menge zu bieten!“ So wurde ich dank meines Jobs zum größten American Football-Fan: Seitdem ich einmal für den Sportredakteur eingesprungen bin, gehe ich zu jedem Spiel. Wenn wir so etwas, das bei mir passiert, beim Publikum auslösen können, dann haben wir’s richtig gemacht. Gelegentlich bekommen wir dazu auch tolle Rückmeldungen. Beispielsweise schrieb uns einmal eine Zuschauerin, dass sie aufgrund eines Beitrags über ein Theaterstück zum ersten Mal nach 20 Jahren wieder ins Theater gegangen sei und seitdem wieder häufiger dorthin ginge. Wenn uns so etwas gelingt, haben wir erreicht, was wir wollten.

Interview und Text: Natascha Oberste.Welche sind Ihre bisher amüsantesten Anekdoten?
Einmal wollten wir mit der Kamera eine Chorprobe begleiten und einer von uns sollte sich dabei ein bisschen zum Narren machen, indem er dort teilnimmt, obwohl er gar nicht singen kann. Die Idee stammte von mir und im Endeffekt ist die Sache an mir hängen geblieben, so dass ich selbst der Nichtsänger war und mich einen Abend lang vor laufender Kamera zum Affen gemacht habe. Inzwischen bin ich bei diesem Gospel-Chor seit zwei Jahren Mitglied. Das hat mich persönlich erweitert, weil ich ein neues Hobby gefunden habe, das mir viel Freude macht. Eine andere sehr charmante Geschichte habe ich durch eine Verwechslung erlebt. Mein Auto ist mit einem großen City-Vision-Aufdruck gebrandet. Einmal, als ich gerade irgendwo mit dem Wagen losfahren wollte, setzte sich plötzlich eine ältere Dame zu mir ins Auto und sagte, dass sie nach Viersen müsse. Natürlich war ich erstmal ziemlich perplex, aber nach einer Weile hat sie begriffen, dass ich gar kein Citycar fahre. Ich habe sie schließlich trotzdem nach Viersen gebracht und wir haben uns währenddessen wirklich nett unterhalten.

Interview und Text: Natascha Oberste.

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