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Erst studieren, dann essen!

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Früher kamen die Jäger mit ein paar erlegten Mammuts zurück, während die Sammler Pilze und Beeren in die Höhle schleppten. Fertig war das Abendessen! Niemand zeigte aufgrund unethischen Essverhaltens mit dem Finger auf den anderen und wenn sich jemand was in den Mund steckte, war ziemlich klar, um was es sich handelte. Heute ist die Sache wesentlich komplizierter. Je weiter wir uns von der Natur entfernen, desto verrückter wird die Nahrungsaufnahme.

Ich selber bin seit meiner Kinderzeit Vegetarier und gehöre somit zu den „Guten“. Dachte ich jedenfalls.

Irgendwann Mitte der 90er-Jahre erfuhr ich dann, dass in meinen Lieblings-Chips Fischmehl und Wild enthalten sind und dass im Käse tierisches Lab steckt, das Kälbern aus dem Magen gepresst wird. Angesichts der Tonnen von Chips und Käse, die ich bis dahin verzehrt hatte, dürften so einige Fische, Rehe und Kälber auf mein Konto gegangen sein. Ganz zu schweigen von den Rindern, die in Form von Gelatine über den Umweg Torte/Gummibärchen/Wein/Saft in meinen Magen gelangt waren. Fortan lernte ich, genauer auf Zutatenangaben zu schauen und wichtige Begriffe wie „mikrobielles Lab“ und „Agar-Agar“ auswendig zu lernen. Wer will, kann ja mal googeln. Als das geschafft war, wurde durch aufschlussreiche Berichte in den Medien klar, dass auch die Bio-Eier auf meinem Frühstückstisch nicht von glücklichen Hühnern stammten und dass Kühe nur deshalb Milch geben, weil sie einmal im Jahr Kälber bekommen, die unmittelbar nach der Geburt von ihnen getrennt werden. Die Veganer traten geballt auf den Plan, die nicht nur die Fleischesser, sondern auch die Vegetarier mit vorwurfsvollen Blicken und erhobenem Zeigefinger bedachten. Recht haben sie ja. Wer will schon verantwortlich sein für millionenfaches Tierleid?

Wer jetzt aber glaubt, dass es reicht, von Kuhmilch auf Sojamilch umzusteigen, der hat die Rechnung ohne die Gesundheit gemacht. Nachdem ich nämlich bei facebook verkündet hatte, dass ich aus Gewissensgründen Sojamilch probieren würde, war die Hölle los. Ob ich denn nicht wüsste, dass Soja als hochaktives Phytoöstrogen gilt, was bestimmte Krebsarten auslösen kann. Oh, nö, hab ich nicht gewusst. Schon kam von anderer Seite der Tipp, dass in Hafer- und Reismilch im Gegensatz zur Sojamilch keine Phytoöstrogene enthalten seien. Hätten wir das auch geklärt – also Hafermilch! „Nein“, schrieb ein anderer, als Sportler würde man da niemals auf das tägliche Soll an Proteinen kommen. Ähja … bin ja kein Sportler. Ist also egal. Aber was leg ich mir morgens aufs Brot? Die Veganer-Liga ist sich einig: Wilmersburger-Käse-Ersatz. Schmeckt (angeblich) wie Käse, ist nur doppelt so teuer. Kaum hatte ich mir das Zeug gekauft, ging das Geschrei wieder los. Ob ich denn nicht wüsste, dass in dem Käse-Ersatz von Wilmersburger Palmöl enthalten ist?! Die armen Nasenaffen! Die würden nur auf Borneo leben, wo sie sich von Mangrovenblättern ernähren, die nur dort wachsen. Durch die Rodung des Regenwaldes für das Palmöl seien sie stark gefährdet. Oha, ja doof! Das will ich natürlich nicht. Käse-Ersatz geht also auch nicht. „Doch“, schreit ein anderer facebook-Freund. Er habe Wilmersburger angeschrieben und die hätten geantwortet, dass für das Palmöl im Käse-Ersatz keine Rodung von Primärwäldern und ökologisch wertvollen Waldflächen stattgefunden habe, dass gefährdete Tiere und Pflanzen geschützt würden und dass keine Kinderarbeit stattgefunden hätte. „Blödsinn!“, schreibt ein anderer. Das Nachhaltigkeits-Zertifikat sei nichts wert, denn jeder wüsste doch, dass Firma A roden lässt und Firma B dann die Fläche kauft und zertifiziertes Palmöl produzieren kann, weil sie ja nicht rodet, sondern bestehende Flächen nutzt. Jo, klingt logisch. Zertifikate taugen also auch nichts. „Stop!“, ruft die Kollegin von links. „Das mit dem Palmöl ist längst überholt. Die von Wilmersburger haben die Inhaltsstoffe geändert.“ Prima, denke ich. Dann kann’s ja losgehen. Doch der nächste Shitstorm ist schon im Anmarsch, denn der Supermarkt, in dem ich den Käse-Ersatz gekauft habe, geht gar nicht, weil er Kosmetikartikel und Klamotten von Firmen verkauft, die … aber das ist eine andere Geschichte!

Merke: Heute muss man mindestens Chemie, Lebensmitteltechnik, Ernährungswissenschaften, Zoologie und Agrarpolitik studiert haben, um sich ein Butterbrot zum Frühstück zu schmieren, an dem die Welt nicht zugrunde geht. Ich leg mir jetzt Tomaten aufs Brot – natürlich ohne Butter – mit ein paar Zwiebelringen, etwas Salz und Pfeffer … auch lecker. Und wehe einer erzählt mir was von Pestiziden!

Text: Sabrina Kirnapci, Illustration: istockphoto.com/Mstay

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