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Nicht vergessen, wo wir herkommen!

Mit etwas Abstand bleibt der Eindruck über die Saison Borussias in der Fußball-Bundesliga bestehen: Eigentlich ist es ganz gut gelaufen.

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Mike Hanke verabschiedete sich nach der Partie gegen den FC Bayern München (3:4) am letzten Spieltag von „seinen“ VfL-Fans. Eine emotionale Geschichte für den Angreifer, dessen Vertrag ausläuft.

Mit etwas Abstand betrachtet, bleibt der Eindruck über die zurückliegende Bundesligasaison und das Abschneiden des VfL Borussia bestehen. Eigentlich ist es doch ganz gut gelaufen und doch hätte Trainer Lucien Favre mit seiner Mannschaft sicher mehr erreichen können als den achten Tabellenplatz. Dem Trainer dürfen Sie so etwas nicht sagen, selbst wenn er genauso denken würde, wäre seine Antwort dieselbe wie vor zwei Jahren und die, die er vermutlich auch bis zu seinem Ende als Borussencoach noch predigen wird:

„Vergessen Sie nicht, wo wir herkommen“, spielt Favre gerne und oft auf den in den Relegationsspielen gegen den VfL Bochum glücklich beendeten Abstiegskampf der Saison 2010/11 an. Eine Mahnung, die nicht nötig ist, denn die als besonders leidensfähig geltenden VfL-Anhänger wissen über die jüngste Vergangenheit bestens Bescheid. Da aber auch die weitaus länger zurückliegenden und weitaus größeren Erfolge aus den 70er-Jahren noch bekannt sind, wird Favre noch oft sprichwörtlich den Finger heben müssen. Zudem haben die zuletzt erreichte Champions League-Qualifikation und die internationalen Spiele der vergangenen Saison bei den Fans zwar nicht die Sinne vernebelt, aber extreme Lust auf zukünftige Großtaten gemacht. Das erschwert auch eine realistische Sicht auf die gerade beendete Spielzeit, was wir an dieser Stelle trotzdem gerne versuchen.

Am Ende dürfte auch VfL-Trainer Lucien Favre froh sein, dass die Saison ein Ende genommen hat – auch wenn es nicht fürs internationale Geschäft gereicht hat. Borussia hat das offiziell ausgegebene Saisonziel erreicht, einen einstelligen Platz belegt und sich in der oberen Tabellenhälfte der Bundesliga etabliert. Gewiss, mancher Spieler hatte sich mehr gewünscht, mancher verantwortlicher mehr erhofft. Doch schon früh in der Hinrunde zeigte sich, dass der VfL seine Leichtigkeit verloren hatte und um jeden Punkt kämpfen musste – so wie es ein anderes Zitat des Trainers auch schon Tausend Mal prophezeit hatte. Die derbste „Klatsche“ gab es mit dem 0:5 bei Borussia Dortmund, wo Christofer Heimeroth zwischen den Pfosten seinen einzigen Saisoneinsatz hatte. Am Torhüter lag es nicht, dass Welten zwischen den beiden Borussias lagen, vielmehr an einem gewissen Marco Reus, der sich in Dortmund zu neuen Großtaten aufschwang und in Mönchengladbach bis zum Saisonende vermisst wurde. Es dauerte auch ein wenig, ehe Alvaro Dominguez der VfL-Abwehr ähnliche Sicherheit gab wie es Dante getan hatte. Borussia stand im Laufe der Saison hinten stabiler, doch in der Offensive fehlte eben die Genialität und das individuelle Können eines Marco Reus.

Auch der Qualität des VfL-Spiels war das im gesamten Saisonverlauf deutlich anzumerken – möglicherweise der Hauptgrund, warum es noch so viele enttäuschte Fans in diesen Tagen gibt. Borussia zeigte hin und wieder, was sie kann, aber nicht nur Sportdirektor Max Eberl musste erkennen, „dass die Mannschaft große Probleme gehabt hat, Konstanz in die Leistungen zu bringen und die richtige Ausgewogenheit zwischen Defensiv- und Offensivspiel zu finden.“ Während Favre in der Defensive meistens auf die Achse Tony Jantschke, Martin Stranzl, Dominguez und Oscar Wendt vertraute, trug der Coach mit seinen häufigen personellen Wechseln im Angriff nicht gerade zur Sicherheit und zum Selbstvertrauen bei. Logisch, gerade in der Offensive gab es Gründe, neue Dinge auszuprobieren. Nachdem Juan Arango seine geniale Form verloren hatte, zeigte sich, dass Borussia wohl in diesem Mannschaftsteil zu schwach besetzt ist, um an bessere Tabellenplätze denken zu können. Mike Hanke, der Liebling der Fans, wurde zurecht emotional verabschiedet. Doch ebenso zurecht verlängerte Eberl dessen Vertrag nicht. Peniel Mlapa machten viele technische Mängel zu schaffen, Igor de Camargo wurde nach Hoffenheim „abgeschoben“ und Luuk de Jongs Leistungsvermögen kann wohl erst im zweiten Jahr richtig beurteilt werden. Wenn es eines geben wird, denn man wird den Verdacht nicht los, dass Favre den Niederländer nicht unbedingt als gesetzt ansieht.

Passt de Jong ins System?
Borussia spielt ein 4-4-2-System, in das der Angreifer nicht so recht zu passen scheint. Favre aber hat angekündigt, dieses System beizubehalten – Hanke arrangierte sich damit, wohlwissend, dass er ohnehin kein Knipser ist. Aber de Jong? Gut, dass es unabhängig von etwaigen Neuzugängen noch einen Hoffnungsschimmer im Kader gibt: Branimir Hrgota, der in das Anforderungsprofil Favres weitaus besser passt, der aber auch nach seinem fulminanten Auftritt am Ende der Saison mit drei Toren beim 4:2-Sieg in Mainz gefordert ist. Beim FSV zeigte die Borussia, dass sie kann, was Favre verlangt: defensiv sicher stehen, schnell in die Tiefe vorstoßen und mit fußballerischer Finesse Tore erzielen. In Mainz zeigte auch Granit Xhaka, dass er besser ist als es seine Einsatzstatistik aussagt – auch der Schweizer könnte in der neuen Saison gewiss eine größere Rolle spielen.

Analysieren und reagieren
In der Sommerpause werden die Verantwortlichen analysieren und reagieren müssen. Sie dürfen sich dabei nicht von den Europapokalspielen blenden lassen, die viel zur guten Stimmung rund um den Borussia-Park beigetragen und das Ansehen des VfL über die Landesgrenzen gesteigert haben. Die VfL-Fans haben einen großen Anteil daran! Zwar gab es auch Pfiffe gegen die eigene Mannschaft, aber insgesamt wissen die Anhänger die Geschehnisse sehr gut einzuschätzen und ihre Hoffnungen und Träume von den realistischen Erwartungen zu trennen. Aber, die Erwartungshaltung dürfte dennoch im Laufe der nächsten Wochen wieder steigen. Eberl selbst legt die Lunte: „Spieler wie Xhaka, de Jong und Hrgota sind jetzt ein Jahr weiter, sie haben sich an die Liga und die Spielweise gewöhnt.“ Sprich, sie werden besser, Borussia wird besser und findet sie, die Konstanz.

Helfen soll Max Kruse, der entscheidenden Anteil daran hat, dass der SC Freiburg und nicht Borussia nun in der Europa League startet. Der schnelle Angreifer dürfte ein Wunschspieler Favres sein, er passt in das System des VfL-Coaches. Welche Namen stehen aber noch auf dem Einkaufszettel Eberls? Favre monierte kurz nach Saisonbeginn im letzten Jahr, Borussia habe zu ähnliche Stürmer – das darf auch als Kritik an der Personalpolitik betrachtet werden, die er gemeinsam mit Eberl betreibt. Dem Trainer sagt man indes eine gewisse Entscheidungsschwerfälligkeit nach – was die Aufgabe des Sportdirektors nicht leichter macht. Ein bisschen Geld, um das Team gezielt zu verstärken, sollte angesichts der vermeldeten Rekord-Umsatzzahlen vorhanden sein. Zudem haben Leistungsträger wie Patrick Herrmann (Vertrag bis 2016 verlängert) und Marc-André ter Stegen („Ich bleibe Borusse“) ein Votum für den VfL abgegeben, so dass die Hoffnung besteht, dass nicht erneut sehr wichtige Spieler ersetzt werden müssen. Die Transferperiode aber ist noch lang, man darf gespannt sein und dabei– jawohl, Herr Favre! – niemals vergessen, „wo wir herkommen.“

Text: Ingo Rütten, Fotos: Bernd Rechter

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