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Borussias Unwort des Jahres: Schneckenrennen!

Sieben Punkte aus drei Spielen im Mai, dann wird der letzte Pfiff im Borussia-Park möglicherweise der schönste sein.

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Thomas „Tower“ Weinmann „wacht“ über die VfL-Fans und sagt: „Das ist Jammern auf hohem Niveau, wir spielen die zweitbeste Saison seit vielen Jahren.“

Wenn Thomas Weinmann ein Interview auf der Homepage Borussias gibt, dann ist es in aller Regel ernst, sehr ernst. Entweder muss der Fanbeauftragte des VfL vor einem Derby im Vorfeld deeskalierend einwirken oder in der Nachbearbeitung eines solchen Spiels den Zeigefinger erheben und gleichfalls an die Vernunft appellieren. Manchmal kämpft „Tower“ seiner Statur entsprechend um die Stehplätze in den deutschen Stadien und insbesondere um jene im Borussia-Park. Und selten, sehr selten muss der hochaufgeschossene VfL-Angestellte wegen Pfiffen der eigenen Fans gegen die eigene Mannschaft Stellung nehmen: So geschehen Anfang April nach dem Spiel gegen die Spielvereinigung Greuther Fürth - wohlgemerkt nach einem Sieg gegen den Tabellenletzten und dem „Sprung“ auf den siebten Tabellenplatz.

Pfiffe während des Spiels gegen seine Mannschaft gehen gar nicht, das ist ein ungeschriebenes Gesetz“, sagte Tower, heute noch nachlesbar auf borussia.de. Früher, zu Zeiten von Abstiegskampf und Trainerentlassungen, wollten die VfL-Fans ihre Mannen „kämpfen sehn“, wenn es (mal wieder) nicht lief. Heute aber kann man der Mannschaft von Trainer Lucien Favre manches vielleicht vorwerfen, fehlender Kampfeswille aber gehört nicht dazu. Und außerdem gehört es in dieser möglicherweise einfach nur „normalen“ Saison nach zwei kaum zu beschreibenden Spielzeiten wohl zum guten Ton, aus einem lauen Lüftchen einen Sturm zu machen. So geschehen schon vor dem mit Pfiffen bedachten Heimsieg gegen Fürth, als Vizepräsident Rainer Bonhof es sich nicht nehmen ließ, die Borussen heftig zu kritisieren. Der VfL hatte mal wieder eine große Chance – zumal gegen einen direkten Konkurrenten um den internationalen Startplatz – verpasst, und Bonhof ließ sich nach dem 0:2 in Freiburg zitieren: „Wenn man kein Risiko eingeht, kann man keine Chancen kreieren.“ Und wenn man Ambitionen habe, dann müsse man auch mehr investieren.

Recht mag er haben, der Weltmeister, vor allem, sich zu Wort zu melden. Auch Bonhof hat eine Erwartungshaltung, auch er weiß, dass die Mannschaft mehr kann als sie häufig zeigt, auch er kennt die große Chance, wieder in den Europapokal einzuziehen. Auch Bonhof ist ein Fan, nur er kann seine Mannschaft nicht auspfeifen – das ist in der Tat ein ungeschriebenes Gesetz. Aber wachrütteln kann er, seine Meinung kund tun kann er auch. Leider hat das kurzfristig nichts genutzt, aber auch weitere teils magere Vorstellungen und erneute Niederlagen änderten wenig an der guten Chance, am Ende unter den Teams der Tabelle zu stehen, die in der kommenden Saison die deutschen Farben in Europa vertreten.

Seine Geistesblitze und Genialität fehlten Borussia oft in der Rückrunde: Hat Juan Arango sein Pulver vor der Winterpause verschossen?Es hilft nichts, in dieser Saison wird die Teilnahme an der Europa League erst an den letzten Spieltagen entschieden – drei sind es noch an der Zahl in diesem Mai. Wir rechnen hoch: Am letzten Spieltag kommt der FC Bayern München als deutscher Meister nach Mönchengladbach, Siegchance für den VfL: 20 Prozent? Vielleicht etwas mehr? Nach den beiden Siegen gegen Schalke 04 und beim FSV Mainz 05 reicht vielleicht ja ein Unentschieden, um den ersehnten Platz zu erringen. Sieben Punkte aus den letzten drei Spielen, das wäre sicher mehr als die meisten anderen Anwärter auf die Reihe bekommen. Denn Hannover 96, der Hamburger SV, der FSV Mainz 05, Eintracht Frankfurt und die halbe Bundesliga haben sich in den letzten Wochen alle nicht gerade durch Siegesserien um die Auslandssemester beworben. „Schneckenrennen“, das Unwort der Deutschen Bundesliga 2013 – und doch so wahr wie selten zuvor.

Seit Borussias Wiederaufstieg 2008 in die Bundesliga waren mindestens 53 Punkte für die direkte Teilnahme am internationalen Geschäft nötig. Mit derselben Punktzahl ergatterte Borussia übrigens letztmalig die Europapokal-Teilnahme 1996 vor dem überragenden Abschneiden in der vergangenen Spielzeit. Dass nach 16 Jahren Abstinenz die Lust auf Europa bei den Fans riesig ist, gerade nach den tollen Erfahrungen in dieser nun bald endenden Saison, ist logisch und macht auch die Pfiffe irgendwie verständlich. Denn es war eben noch nie so einfach, wie in dieser Saison, selbst wenn Lucien Favre zum einhundertsten Mal mindestens so richtig wie verständlich mahnt, nicht zu vergessen, wo der VfL vor zwei Jahren stand. Schon direkt nach dem vierten Platz im Vorjahr erklärten die Verantwortlichen, dass die laufende Saison keine leichte werde – auch Bonhof, damals noch nicht ahnend wie einfach es sein könnte.

Klingt einfach, ist es aber nicht: Borussia steht in der Abwehr in der Regel nach wie vor gut, hat vorne im Angriff aber nicht den Überflieger wie es Marco Reus war. Möglicherweise ist das eben doch – und immer noch! – der große Unterschied, eventuell der einzig entscheidende zur letzten Saison. Als Juan Arango seine Genialität in der Hinrunde zelebrierte, gab es keine anderen Leistungen, aber keine Pfiffe. Nach der Winterpause fehlen die Geistesblitze, Borussia arbeitet weiter hart, doch gerade in Rückstand geraten, bleiben gute Ideen, präzise Angriffe und Torchancen Mangelware. So gewinnt man mal ein Spiel, aber keine zwei hintereinander.

Angesichts der Tabellensituation und in Anbetracht der fehlenden Konstanz vieler Teams in dieser Saison werden wir vielleicht den letzten Spieltag abwarten müssen, um eine Entscheidung zu bekommen. Der eine mag das enttäuschend finden, andere normal, manch einer gar in Ordnung. „Tower“ Weinmann brachte es in besagtem Interview auf den Punkt: „Das ist Jammern auf hohem Niveau, wir spielen die zweitbeste Saison seit vielen Jahren.“ Stimmt, fühlt sich aber nicht so an. Sportdirektor Max Eberl nimmt es gelassen, was bleibt ihm auch? Er hat schon ganz andere Dinge erlebt und die nächsten vor. Max Kruse vom SC Freiburg steht als erster Neuzugang für die kommende Saison seit einigen Wochen fest – und es ist sicher kein Zufall, dass zumindest seine Spielweise an die eines immer noch vermissten heutigen Dortmunders erinnert. Schnell, technisch stark, flexibel, das gibt es im aktuellen VfL-Kader schon – Kruse aber ist noch dazu torgefährlich, daran haperte es bei dem ein oder anderen Borussen in diesem Jahr: bis zu diesem Mai, dann wird der letzte Pfiff im Borussia-Park möglicherweise der schönste sein!

Termine im Mai:
Fr. 3.5., 20:30 Uhr, Bundesliga: Borussia – FC Schalke 04
Sa. 11.5., 15:30 Uhr, Bundesliga: FSV Mainz 05 – Borussia
Sa. 18.5., 15:30 Uhr, Bundesliga: Borussia – FC Bayern München

Text: Ingo Rütten, Fotos: Bernd Rechter

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